Sonntag, 4. Dezember 2011

Addis mon amour? Eine Stadt. Eine Stadt?



Addis Abeba und ich ...

Seit mehr als fünf Jahren lebe ich nun schon auf dem afrikanischen Kontinent.
In Äthiopien.

In Addis Abeba, der Hauptstadt dieses wunderschönen Landes.
In einer Stadt, einer Ansammlung einzelner Dörfer, in der ich eigentlich niemals leben wollte.

Eigentlich: ein wunderschönes deutsches Wort, alles und nichts sagend. Hängengeblieben bin ich, wie man so schön sagt. Und, da wir ja alle für unsere Entscheidungen selbst verantwortlich sind, habe ich dieses Hängenbleiben eigentlich auch nie so richtig bereut. Naja, manchmal dann eben doch ein bisschen, vor allem zu Beginn. Meine Ex-Frau wollte unbedingt hierher, war schon zuvor zwei- oder dreimal hiergewesen, und ich dachte, ich könnte vielleicht unsere Beziehung hier in Äthiopien noch retten. 

Dank hier an Heribert M. in Freiburg für den weisen Satz: "Jens, egal, wo du hingehst, deine Probleme und Sorgen reisen immer mit dir." Da hat er wohl recht. Wohl, wohl. 
Das Gute hoffend, das Schlechte nicht sehend. Ratschläge in den Wind schlagend. Als ich dann 2007 nach Deutschland zu einer Notoperation fliegen musste, und mein Schwiegervater und ein Freund mich am Bahnhof abholen wollten, dann aber dreimal an mir vorüberliefen, da sie mich nicht mehr erkannten, gingen mir die Augen dann doch ein bisschen auf. Und, als sich meine Schwiegereltern und Eltern und Freunde mehr kümmerten, als meine damals Angetraute jemals, war die Konsequenz eigentlich klar. Freunde gewannen damals eher den Eindruck, dass ich in der eh' Beziehung nur störte ... ich übrigens auch ...
Nun ja, und so kam es dann, dass ich mich 2009 trennte und im März auszog ... auszog um das Fürchten zu lernen? Nein, das hatte ich dank relativem Männerüberschuss in meinem Beziehungsleben, sowie anderer Umstände, die das Zusammenleben nicht eben vereinfachen, gelernt. So bin ich denn hier ganz glücklich und alles könnte wirklich gut sein, wäre meine Ex in 2009 dann mal allein nach Deutschland zurückgekehrt wäre.
Aber, sie hat die Kinder mitgenommen. Jonas hat einmal gesagt, eigentlich wäre Addis seine Heimat. Nun ja, jetzt wohnen sie wieder in Freiburg und für mich sind die Monate bis zum Abfliug auch zählbar. Manchmal habe ich schon jetzt eine Träne des Abschieds im Auge.
Wenn es so etwas gibt, wie Hassliebe, dann ist Addis "mon amour haine".
In der mir hier verbleibenden Zeit, in den folgenden Monaten, möchte ich allen da draußen, in- und außerhalb Afrikas, in- und außerhalb Äthiopiens, in-und außerhalb Addis Abebas das Leben, Land und Leute hier ein bisschen vorstellen.


Mit Schülern auf dem Entoto, Blick auf die unter uns liegende Stadt ... 2500 Höhenmeter, wir stehen auf etwa 2800 Höhenmetern ... da wird die Luft manchmal ein bisschen dünn. entotoaddis ababa

Blick auf die Stadt. Sie überrascht mich immer wieder damit, wie grün sie eigentlich ist. Wenn ich mich in Addis und seinen Stadtteilen bewege, fällt mir das gar nicht so auf.














Addis Abeba, die neue Blume.

Addis Abeba, du Stadt. Du Ansammlung von zusammengewürfelten Stadtteilen. Addis Abeba, die du jeden Tag unter einer Smogwolke dich versteckst.




Oben Photos, teilweise aufgenommen vom Entoto, dem Hausberg, der Berg von dem aus, dank Taitu (taitu), der es dort ende des 19. Jahrhunderts zu kalt war und Kaiser Menelik (menelik), der wohl auf sie hören musste, alles begann - dazu irgendwann später mehr. Das letzte Photo ist eine Ansicht von arat kilo aus Richtung Piazza (Bilder zu Piazza kommen noch, ein Vorgeschmack ist zu finden unter: www.flickr.com/photos/jensaddis, hier das Album Addis Ababa - Piazza). Im Hintergrund gläserne Betonneubauten, im Vordergrund noch etwas von der gewachsenen Stadtstruktur.
Addis Abeba wird zur Zeit von heftigen Umwälzungen im wahrsten Sinne des Wortes "heimgesucht". Ich glaube ja, es gab in diesem wunderschönen Land kaum eine Zeit, in der die - staatlich fetsgeschriebenen, denn der verdient mit und nicht wenig - Preise für einen Sack Zement so in die Höhe gegangen sind, wie in den letzten drei, vier Jahren. Hätte ich nur damals, zu Beginn meines hiesigen Aufenthalts, ein paar hundert Sack eingelagert, ich wäre heute ein gemachter Mann. Oder mich an einem Zementwerk beteiligt, oder ... 
Das alte Addis Abeba, wie ich es vor fünf Jahren noch kennen gelernt hatte, gibt es nicht mehr. Die Bulldozer haben Einzug gehalten, die chinesischen Bauarbeiter, die beim Straßenbau bis letztes Jahr allgegenwärtig waren. Aus schmalen, teilweise einspurigen Straßen wurden und werden so sechsspurige Schnellstraßen, denen beim Bau ohne Rücksicht auf Verluste Wohnhäuser und Grundstücke weichen müssen. Auch ein Vorteil des Sozialismus oder eines fast omnipotenten Staates: es gibt hier - zumindest offiziell - keinen privaten Landbesitz. Höchstens Erbpacht über 99 Jahre. Außer, der Grund und Boden, mit allem was darauf ist, steht einer Straße im Wege ... 
Die Schnellstraßen sind nun für die Anwohner , die verblieben, zu lebensgefährlichen Trennstreifen geworden. Bei nächtlicher Beleuchtung erinnern sie manchmal an die Todesstreifen, die sich in die deutsche Geschichte eingegeraben haben. Aus Stadtvierteln mit ein- bis dreistöckigen Wohnhäusern wird die angestammte Wohnbevölkerung "umgesiedelt", in Mietskasernenneubausiedlungen, die genauso schrecklich aussehen, wie dieses Kompositum. Mietskasernenneubausiedlungen, die mit Hilfe der giz und anderen Organisationen und Entwicklungshilfe - oder besser und "pc": Wirtschaftsfördermitteln entstehen, wie in ihrer Hässlichkeit vielleicht noch von den Plattenbausiedlungen der Ex-DDR und des real existierenden Sozialismus, sowie den unsäglichen architektonischen Fehlwürfen der Neuen Heimat und wie sie alle heißen mögen, übertroffen werden. Doch hier möchte ich allerdings ein Fragezeichen stehen lassen. 
Ich denke mal in der Platte und den anderen genannten Bauten gab es zumindest vollfunktionsfähige saniäre Anlagen. Aber was teilweise hier vom Westen hingelegt wird ... da würde in Deutschland der Mieterbund zum Barrikadenkampf sammeln. Doch dazu auch ein andermal mehr.
Alles neu macht ...?

 Blick vom Ras Amba Hotel über Addis, Richtung Flughafen ras amba addis


new condominium buildings

condominium, Piazza



Hier stand mal ein ganzer Stadtteil mit vielen kleinen Häusern ..

 Metall regiert (metal rules)



Überreste ... nur noch für kurze Zeit ... und dann wird auch hier das neue Zeitalter eingekehrt sein ...





















Auch die orthodoxe Kirche hat wohl immer Geld ... und, wie schon James Bruce in seinem wunderschönen Buch: Travels to discover the  source of the Nile, In the years 1768,...1773 schreibt, gibt es wohl in keinem Land die Möglichkeit, fast egal wo man steht, gleichzeitig mindestens zwei orthodoxe Kirchenbauten zu sehen ...(www.en.wikipedia.org/wiki/James_Bruce)

orthodoxer Kirchenneubau, Addis Abeba - Laefto, Tsege Mariam



Diese kleinen Geschäfte, auf dem Weg Richtung Mexico Square, werden wohl bald verschwunden sein,

so wie hier. Nein, das ist kein Kriegsgebiet, hier hat kein Häuserkampf stattgefunden, hier wird bald etwas "Schönes" gebaut werden. Wir dürfen gespannt sein...

ditto ...

Und hier die Gegenrichtung, also vom Mexiko Square Richtung National Theatre, schöne neue Welt.

Übrigens, die Idee für diesen Blog hatte ich schon länger, den letzten Anstoß dazu gab mir Meike Winnemuth, die sich gerade auf einer Reise befindet. Eine Reise mit dem schönen Titel: 12 Städte in 12 Monaten, und die gerade in Addis weilt, heute morgen mal die zehn Kilometer des Great Ethiopian Run gelaufen ist und heute nacht weiterfliegt. Nach Havanna, Kuba.
Danke Dir nochmals, Meike. www.vormirdiewelt.de

Soviel zum Beginn dieser kleinen Tour durch Addis ... 


xxxxxx

Montag, 28.11.2011

Heute ein paar Eindrücke um aus meiner Nachbarschaft, um mein Haus, den Compound herum. Alles in etwa zehn bis dreißig Gehminuten entfernt. Kommt doch einfach mit auf diesen Spaziergang ...

Morgens, oder besser um die hiesige Mittagszeit ging ich los, Kamera geschultert, um mir eine Telefonkarte zu kaufen. Hier in Äthiopien muss man das Mobiltelefon immer wieder nachladen. Dies gilt auch für den Internetanschluss, der über das selbe Telefonnetz funktioniert. Also, dann mal los, auf zum Souk:

Pflanze am Wegesrand

In diesem gut sortierten Souk an der Brücke kaufe ich meine Telefonkarten.

Und natürlich ist auch dieser Souk ein Familienbetrieb.

Zwei durch die Straßen ziehende Plastikbehälterverkäufer. Welch schönes Wort;-)

Dieser junge Mann wollte unbedingt fotografiert werden. Was wir nicht sehen ist, dass er mit den Füßen in einem Waschbottich Wäsche tritt.

Der Kebena Fluß.

Disteln am Wegesrand,

Blick von der Brücke.

Zwei nette Herren, die gerade von einem Mittagsumtrunk kommen.

Und hier das Tallabet dazu. Talla= selbst gebrautes Bier. Bet=Haus.

Mein netter Freund vom Musicabet.

Drei Freunde .
Ja, das war dann mein Morgenspaziergang gewesen. Der Souk ist hier so wie in Deutschland der "Tante Emma Laden", der kleine Laden um die Ecke.  Es gibt hier eigentlich alles, was man so zum täglichen Lebensbedarf braucht, von Apfeltabak für die Shisha bis zu Zitronenseife. Reis, Toilettenpapier, Kosmetikartikel, Nudeln, Offenware, verpackte Waren, alles. Naja fast, Früchte gibt es gegenüber, Gemüse auch und Fleisch ein paar hundert Meter weiter.
Die zwei Herren, die ich dann unterwegs traf, forderten mich auf sie unbedingt zu fotografieren. Die Bilder werde ich dann im Tallabet abgeben. Das ist auch interessant hier, die Dame auf dem Bild vorne rechts, ist die Betreiberin. Entstanden ist ihre kleine Kneipe aus einem einfachen Gemüsestand, wo sie Tomaten, Zwiebeln und Knoblauch auf einer Folie auf dem Boden ausgebreitet, verkaufte. Substiuionswirtschaft, eine typische Erscheinung hier in Äthiopien. Naja, und dann musste ich eben auch noch Fotos innen machen. Die werde ich dann auch diese Woche noch vorbeibringen. Und, die Dame hat sich in der Zwischenzeit eine relativ gut reflektierte kleine Kneipe aufgebaut, in und vor der sie noch Injera und Gemüse verkauft.
Hoffentlich muss ich dort kein Talla trinken. Das ist ein selbstgebrautes Bier, von vielen Äthiopiern (steht hier für beide Geschlechter) geliebt und ein Standardgetränk, neben Tej, dem Honigwein und Whisky, auf Familienfeiern. Mir hat es bisher immer widerstrebt.
Der junge Herr hat einen kleinen Musikshop und DVD-Verleih. Nebenbei unterhält er tage- oder stundenweise die Nachbarschaft mit dröhnender Musik aus seiner Metallbude. Manchmal etwas nervenaufreibend, manchmal schön, manchmal höre ich es gar nicht mehr. Auf jeden Fall eine große Konkurrenz an Lautstärke zu den Priestern der orthodoxen Kirche. Die singen manchmal - natürlich verstärkt - die ganze Nacht, oder starten morgens um fünf, oder den ganzen Tag hindurch.
Und, wie oben schon angemerkt, Kirchen gibt es hier ziemlich viele.

Dem kurzen Morgenspaziergang folgte dann noch ein etwas ausgedehnterer Abendspaziergang, kommt doch einfach mit:



Blick gen Nordwesten, auf Bela/ Ferensai, einen wunderbar grünen Stadtteil.
Der Rauch der Feuer steigt aus den Häusern auf, es riecht nach Bunna, nach Eukalyptusholz und Kohle. Aus den Kneipen kommt einem die alkohlgeschwängerte Luft entgegen. Sonntag ist traditionell der Tag, an dem man auf ein Bier, einen Tej, einen Umtrunk eben in die Bierkneipe geht, sich mit Freunden trifft, und ...




Wasser- und Abwasserrinne

Blick in's Grüne, langsam verschwindet das Licht, der Rauch färbt die Luft.

Gasse durch Häuserreihen in Richtung Schule. Hier eine, die bis zur achten Klasse führt.

Fluss, trockengefallen.

 Der Fluss führt, es ist am ausgewaschenen Flussbett und den begrünten Uferrändern zu sehen, während der Regenzeit unglaubliche Wassermassen. Jetzt beeindruckt er vor allem durch die tollen Basaltkiesel und Erosionsstrukturen der anderen Felsgesteine.
Bierkneipe

St Georgis
Die Bierkneipen sind wirkliche Bierkneipen. Auch wenn diese sich hier Jerry Cafe nennt, so ist dieser Titel nicht ganz ernst zu nehmen. Es gibt nämlich nur frischgezapftes Bier, sehr lecker, oder Ambo, ein herrliches Mineralwasser. Ansonsten vielleicht noch Laslassa, also Limonaden, aber Kaffee ... wie kommen Sie denn auf diese Idee??? Absurd...

Dafür sind die Fleischgerichte, meist Kurzgebratenes mit frischem Fleisch aus der Metzgerei um die Ecke, in solchen Kaffees, Kneipen, Restaurants oder Hotels, und wie sie sich auch immer nennen, am Straßenrand, köstlich.
Fleisch, frisch geschnitten.

So sieht es aus, das SigaBet am Abend.

Hier wird mit Bedacht gearbeitet.
In solchen Sigabets - Fleischhäusern- gibt es außerhalb der Fastenzeit jede Menge Fleisch. Meist hängen hier Rindfleischviertel, die in der Nacht angeliefert, am nächsten Tag verkauft werden. Oft gehört dazu noch ein Restaurant, wo das Fleisch direkt - roh als eine Art Tartar, oder in verschiedenen Versionen gebraten und mit scharfen Gewürzen, Berbere und Mitmita, verfeinert und gereicht, - verzehrt wird. Zum Herunterspülen gibt es entweder Bier oder bei rohem Fleisch Rotwein.
Tsougurbet - ein Haarsalon

Behausungen
 Diese    Sammlung von Müllsäcken und  anderen Plastikgegenständen  sind - leider keine Müllhaufen, die am nächsten Tag eingesammelt werden - sondern Behausungen von Menschen, die hier auf der Brücke leben.  Man findet solche  Hütten öfter. Wenn es dann zuviel werden, werden sie von den Behörden  einfach weggeräumt, oder die Menschen auf LKWs verladen, aus der Stadt gebracht und die Plastikbehausungen abgefackelt.
Zwei Souks, zur rechten mit Kosmetika,zur Linken mit Obst und Gemüse.

Europa lässt grüßen, Verfalldatum 2011.

Der Eingang -Meg'bia- zum Menelikhospital ist weiter rechts.
So, ich hoffe Euch hat der gestrige Abendspaziergang gefallen. Jetzt ist erst einmal Feierabend für heute. Hier ist es jetzt auch schon 9.23p.m., also einige Stunden später als in Mitteleuropa. In diesem Sinne, bis bald ...

Wohin soll ich gehen? Wegweiser an der Mariyam Kirche
auf dem  Entoto. Entoto Terrara.entoto
Sonntag, 4. Dezember 2011

Heute ist wohl der zweite Advent, glaube ich. Vielleicht ist es wirklich so, dass ich mich schon ziemlich weit von der christlich-europäischen Kultur verabschiedet habe. Seit ich hier in diesem Land lebe, denke ich oft darüber nach, was uns denn eigentlich so sehr voneinander unterscheidet. Und, so langsam komme ich für mich zu dem Schluss, dass es weniger die Unterschiede sind, die dafür sorgen, dass sich Kulturen und Religionen und Menschen und Ideologien unverständig gegenüberstehen. Es sind wohl eher die Ähnlichkeiten. Dummheiten sind dazu da, gemacht zu werden, Dummheit vergeht nicht, Dummheit stirbt nicht aus. Dies scheint wohl auf dem ganzen Planeten nirgendwo halt zu machen. Ich erlebe das hier immer wieder.





Überheblichkeit



Und oft geht diese Dummheit einher mit Überheblichkeit, und einer Art von Arroganz, die das eigene Unvermögen zu kaschieren sucht. Nur keine Fehler zugeben. Wir sind die besseren.
EthiopianAirlinesPlane
Mit welcher Überheblichkeit viele Weißnasen hier her kommen, ich schließe mich da gerne ein, und meinen sie müssten hier alles verändern. Alles. Denn ihre Erkenntnis ist, sobald sie den Flugplatz betreten: Hier ist alles Entwicklungsland, hier ist alles anders, hier genügt alles irgendwelchen Standards aber die euro-angloamerikanisch-asiatischen bleiben natürlich unerfüllt. Es sei dreckig. Die Menschen seien ungebildet. Die Ernährung sei unausreichend. Die Menschen seien faul. Die Äthiopier wollten eine ruhige Kugel schieben, bloß keine Arbeit. Solange der Bettler noch gesunde Arme und Füße habe, könne er auch arbeiten ...
Bettler, Nähe Maskal-Square
flickr.com/photos/jensaddis
Dies sind nur einige Aussagen, die immer wieder gemacht werden. Auch deswegen ist es Zeit für mich zu gehen. Ich weiß ja nicht, wer in Europa die Auswahl trifft, und da frage ich mich bei Kirchenmenschen wie bei Baufachleuten, wie bei pädagogischen Fachleuten, wie bei ... , meist Menschen, die sich, statt sich auf die Widersprüche einzulassen, einigeln; in ihrem Kokon meinen in Äthiopien zu sein und alles zu wissen. Meiner Ansicht kommen zu viele mit vorgefassten Meinungen hierher und verlassen das Land genauso. Und wissen dann alles über Äthiopien und die Äthiopier. Mit manchen Menschen möchte ich einfach nicht privat zu tun haben und, wenn ich manche Ansichten über Land und Leute hier höre, dann wird mir übel. Und ich hoffe es geht anderen genauso. Und ich hoffe, dass es anderen umgekehrt bei mir ebenso geht. Würde mich ehren.

Im selbstentworfenen Nationaldress zu Meskel.
masqual äthiopien
Die, die das Land hier mögen, seine Menschen, deren Leben und Kultur akzeptieren und kennenlernen möchten, diejenigen, die bereit sind, sich auf einen der hiesigen Standards zu begeben und - eben nicht herablassend darauf zu schauen, diese Menschen haben hier tolle Erlebnisse. Es sind dann aber auch diese Menschen, die oft ihre Verträge nicht verlängern, oder oft die Organisation wechseln, oftmals an der Überheblichkeit ihrer MitWeißnasen zerbrechen.

Dazu auch: Grill, Bartolomäus: Ach Afrika: Berichte aus dem Inneren eines Kontinents. Goldmann, 2005. Polman, Linda: Die Mitleidsindustrie. Hinter den Kulissen internationaler Hilfsorganisationen. Campus 2010.
Und ein Buch, dass jede, jeder der in einer der Hilfs- und Entwicklungsorganisationen arbeitet, meiner Ansicht nach gelesen haben sollte (danke, Sabine): Dörner, Dietrich: Die Logik des Misslingens. Strategisches Denken in komplexen Situationen. rororo.2003.

Widersprüche

Mädchen, Piazza flickr.com/photos/jensaddis
Oh ja, ich habe gelernt, mit Widersprüchen zu leben. Widersprüche, die allgegenwärtig sind, denen man sich unmöglich verschließen kann ... außer man hat seine große, allzeit klimatisierte Allradkarosse mit abgedunkelten Scheiben, damit die Realität schön draußen bleibt. Vor meinem Eingang sitzt tagtäglich, außer an den Wochenende ein Mann; ein Mann der sein Bein für sein Vaterland verlor. Nun verdient er seinen Lebensunterhalt damit, dass die Menschen auf dem Weg zur Arbeit morgens an ihm vorbeigehen und etwas Kleingeld bei ihm liegenlassen. Und, er ist hier in der Umgebung ein angesehener Mensch, den manche befragen, wenn sie Probleme haben, wenn sie Arbeit suchen, wenn sie einen Rat brauchen.
Auf der anderen Seite dann die Protzbauten der neureichen oder reichen Äthiopier, die Geld wie Heu haben. Sie fahren dicke Autos und machen tolle Urlaube und stellen sich ständig dar. Trotzdem geht es. dass diese verschiedenen Gesellschaften, mit vielen vielen weiteren Schattierungen, nebeneinander herleben.
Und ich denke mal, viele meiner MitWeißnasen leben hier, gehen zur Arbeit, retten das Land oder das Bauwesen, oder ich weiß nicht was und haben trotzdem noch nie kennengelernt, was es eigentlich heißt, in Äthiopien zu leben. Sie kommen hierher, bleiben ein paar Jahre, verdienen Unsummen von Geld, auf Steuerzahlers Kosten, gehen ... und was bleibt? Da frage ich bei vielen, was bei ihnen selbst bleibt, weniger, was in Äthiopien von ihnen zurückbleibt.
Meseret verkauft nach der Schule seit
 Jahren hausgemachte Korbwaren. Ich besuche sie ab und an.
Oberhalb von Debre Libanos am Parkplatz mit Aussicht auf's Niltal. 
Naja, auf jeden Fall gibt die Entwicklungshilfe einen Haufen Arbeit ... vor allem für die Retternationen,  nicht wahr?
Hier auch interessant zu lesen: Easterley, William: Wir retten die Welt zu Tode. Für ein professionelles Managemnet im Kampf gegen die Armut. Campus 2006.





Auf der anderen Seite Menschen, die hier leben.

Ein "Gesicht" der Armut?
Richtung DebreLibanos
Leben, das heißt: mit Äthiopiern zu tun haben. Merken, dass es den Äthiopier nicht gibt. Dass dies ein Staat ist, mit einer langen Geschichte zwar für Teile seiner jetzigen Gebiete, aber auch vieles aus Mangel an Fakten verklärt wird.
Äthiopien: ein Land, das aus über 70 Ethnien besteht in dem mehrere Sprachen gesprochen werden. Amharisch ist die Amtssprache, aus langer innerkolonialer Imperialtradition. Die Oromo sind der bevölkerungsreichste "Stamm" des Landes mit relativ geringem Ansehen bei vielen Amharen und Tigray, die schon seit langer Zeit die Herrschaftskaste hier bilden (de.wikipedia.org/wiki/äthiopien). Dabei sind die Oromo in Afrika die weitaus größte Ethnie und ihre Sprache ist mit etwa 25 Millionen Sprecherinnen und Sprechern die am weitesten verbreitet (kuschitische) Sprache in Äthiopien und dem Norden Kenias oromiffa. Eine nette Anekdote dazu: Unter dem "König der Könige", Haile Selassie, war es den Oromo verboten, ihre Sprache zu sprechen, zu schreiben, sprich ihnen sollte auch diese Identität genommen werden, wo sie doch sonst schon zu nichts anderem da waren, als zu dienen oder um als Sklaven verkauft zu werden. Erst 1991 bekamen sie ihre eigene Schrift mit lateinischen Buchstaben. Es gibt kaum ein besseres innerafrikanisches Beispiel für Kolonisation. Die Äthiopier brauchten keine Kolonisation von außen, sie haben sich selbst kolonisiert. Die Geschichte dieser Gegend am Horn von Afrika ist eine Perlenkette von Kriegen, Unterwerfungen und Giftmorden ... Macht es aber spannend und verspricht spannend zu bleiben. Zum König der Könige und seiner Regierungszeit auch: Kapuscinski, Ryszard: König der Könige. Eine Parabel der Macht. Piper 2009, ein sehr aufschlussreiches und meiner Beobachtung nach in vielen Bereichen, welche Macht und -interessen betreffen, auf jeden Fall immer noch gültiges Buch. kapuscinski, ryszard
Und, noch eine "Ironie": die Hauptstadt Addis Abeba, die neue Blume, das amharisch-tigriniasche Regierungszentrum, blüht inmitten der Oromiia-Region;-).

Äthiopischer Frühling


Maskalflickr.com/photos/jensaddis
In diesem Jahr hatte ich mich manchmal auch schon gefragt, ob es hier, wie auch im Norden Afrikas vielleicht zu einer Volkserhebung und einem äthiopischen Frühling kommen könnte. Es gibt viele Menschen, die politische Unzufriedenheit halböffentlich äußern. Trotzdem war nichts dergleichen zu sehen. Keine Aufmärsche. Keine Plakataktionen.

Taitus Kirche auf dem Entoto 1883-1889? Entoto Mariyam
Warum? In anderen Ländern sind die Polizei, die Armee, der Staatsschutz, die Federal Police auch onmipräsent, und trotzdem ist Lybien, ist Ägypten, ist Tunesien "passiert". Vielleicht ist hier die Unzufriedenheit nicht groß genug. Vielleicht liegt es aber auch an dem großen Einfluss, den die orthodoxe Kirche auf die Menschen hat, wo die Hälfte des Jahres Feiertage sind, wo viele stunden-, ja nächtelang in die Kirchen gehen, um an der Andacht teilzuhaben. Und diese Kirche predigt die Erde als Jammertal, eine Zwischenstation nur auf dem Weg zum himmlischen Paradies. Wobei hier auch Obrigkeitshörigkeit mit dazu gehört. Fatalismus?
Würdenträger an Maskal
flickr.com/photos/jensaddis

Priester, Männer, Straßenhändlerin.
substitutionswirtschaft.wissen.de

Junge Männer in Fiche, nördl.  von Addis
 en.wikipedia.org/wiki/fiche.
Vielleicht liegt es auch an der politisch-kulturellen Tradition, die dieses Land seit Jahrhunderten in einem    Kräftegleichgewicht von DIVISA ET IMPERA (vgl. hierzu auch Bruce, James. s.o.) halten. Die reformatorisch - einigende Kräfte wie TewodrosII (tewodros II) oder Menelik II (menelik II) ungern an der Macht sahen. Die Mengistu Hailemariam und das DERG (mengistu haile mariamde.wikipedia.Derg.Äthiopien) durch verschiedene Wege und Mittel überlebten, und die heute, anstatt hoch zu Ross "hoch zu ToyotaMercedesNissan" im Land regieren?







    Straßenjunge, Nähe Ethiopia Hotelethiopia.hotel.addis
Dieses Land, das ich in der Zwischenzeit, wie auch die Stadt Addis Abeba mit all ihren Widersprüchen, sehr gerne habe, hat mich vor allem eines gelehrt: Es gibt keine eindeutigen Antworten, es gibt keine eindeutigen Aussagen, es gibt kein Rezept, das irgendwelche Probleme löst.
Ich muss mit den Widersprüchen in mir und der Welt zurechtkommen.
Das gelernt zu haben, ist für mich schon viel und hat mir auch mehr Gelassenheit gegeben.

Außerdem denke ich, dass alle, die in die Fremde ziehen wollen, um die Welt "zu retten" sich vor allem fragen müssen: WOLLEN DIE, DIE WIR RETTEN WOLLEN, DENN ÜBERHAUPT, SO WIE WIR DAS WOLLEN, GERETTET WERDEN? moyo, dambisa dead aid


Ältere Dame, Laefto

Oder sind wir nicht einfach nur Gäste in einem Land und sollten uns auch als solche benehmen?

flickr.com/photos/jensaddis
smgebru.blogspot.com

Nur am Rande: etv, das äthiopische staatliche Fernsehprogramm überträgt gerade live aus der Millenium Hall eine Veranstaltung, wohl zum "World Aids Tag", bei der soeben "His Excellency, the former President of the United States of America, George W. Bush" zusammen mit Meles Zenawi (meles zenawi) für "excellent leadership" eine Auszeichnung erhielt ... Wo bitte, ist da der Zusammenhang?? ... es lebe die oben erwähnte Leichtgläubigkeit, Dummheit und Selbstbeweihräucherung ... ethiopian television/www.ebstv.tv ... der Mächtigen und derer, die solche zu sein meinen ... da fällt mir dann immer mal das Gleichnis vom Kamel und dem Nadelöhr ein (Markus 10,25).


11.12.2011 Sonntag. 

Gestern war der 10.12.2011. Und, am 10. Dezember ist ja nun jedes Jahr der human rights day. In Anbetracht der Situation, die mich in dem Land, in dem ich aktuell lebe, möchte ich diesen Tag mit ein paar Bildern kommentieren. 

Bettler, auf der Brücke von der UN zum Meskel-Square.

Mädchen, mit ihrer Mutter auf der Straße lebend, bettelnd. Piazza.

Mutter mit Kindern, auf dem Trottoir schlafend. Piazza Addis Ababa Piazza


Diese Photos sind leider keine Ausnahme. Nein, sondern Alltäglichkeiten. 
Hier ist der Straßenrand oft das Bett der Obdachlosen und Bettler. Und, so lange sich an dem System so weiterdrehen lässt, wie die letzten paar Tausend Jahre, und solange das Geld, um die Wirtschaft aufrecht zu erhalten trotzdem von außen hereinfließt; und solange es genug NGO's gibt, die dieses System auf irgendeine Art und Weise mit unterstützen, und die Bevölkerung Veränderungen, für die sie selbst verantwortlich wäre, aus welchen Gründen auch immer: Tradition, Kultur und so weiter ablehnt, stattdessen irgendwelche unbedeutenden Ereignisse groß gefeiert werden, anstatt das Wurzel des Übels zu bekämpfen, solange können sich Touristen von solchen Bildern auf der Straße "betreffen" lassen human rights.

















Kommentare:

  1. Hallo,
    ich komm grad von Meike Winnemuths Blog und schau mich um.
    Viel Spaß beim Weiterbloggen*!

    Franka

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  2. @franka: herzlich willkommen. freut mich, Dich bei mir begrüßen zu dürfen. Hoffe es bleibt weiterhin interessant für Dich. Danke;-)

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